Held

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Achilles während des Trojanischen Krieges. Ausschnitt aus einer griechischen Keramik, 4. Jahrhundert v. Chr.

Ein Held (althochdeutsch helido) bzw. eine Heldin ist eine reale oder fiktive Person, die durch außergewöhnliche körperliche oder geistige Leistungen aus einer sozialen Gruppe herausragt. Für diese Gruppe übernimmt der Held identitätsstiftende Funktionen, indem er ihre Wertvorstellungen idealtypisch verkörpert und von ihr in Mythos, Geschichte, Literatur, Ritual usw. immer wieder vergegenwärtigt wird.

Im Unterschied dazu versteht man unter dem Helden in einer Erzählung den Protagonisten, die handlungstragende Hauptfigur, die als Antiheld aber auch negativ gezeichnet sein kann. Die Eigenschaft, ein Held zu sein, nennt man Heldentum oder Heroismus.

Geschichte

Antike

Im antiken Griechenland verstand man unter einem Helden (altgriechisch ἥρως hḗrōs, ursprünglich „freier Mann“) einen wirkungsmächtigen Toten, der Anspruch auf Verehrung hatte. Dabei musste er sich nicht unbedingt Verdienste erworben haben – von vielen antiken Heroen wird vielmehr moralisch durchaus Fragwürdiges berichtet:[1] Theseus soll seine Geliebte Ariadne allein auf einer Insel ausgesetzt haben, Herakles ermordete seine Frau und seine Kinder. Der griechische Dichter Hesiod nennt in seiner absteigenden Abfolge der Weltzeitalter als vorletztes ein „Zeitalter der Heroen“, in dem er die Epen um die Kriege um Theben und Troja verortet. Die dort aktiven Kämpfer platziert er zwischen Menschen und Götter: Er nennt sie Halbgötter (altgriechisch ἥμίθεοι hēmítheoi) und berichtet, Zeus habe sie nach ihrem Tod alle auf die Inseln der Seligen versetzt. Im Sinne einer epischen Stilisierung bezeichnet Homer die menschlichen Akteure in der Ilias und der Odyssee als Heroen, auch wenn sie nicht kultisch verehrt wurden.[2]

Antiochos von Kommagene und Herakles reichen sich die Hand. Relief aus Arsameia am Nymphaios, 1. Jahrhundert v. Chr.

Tatsächlich hatte fast jeder Heros ein Heroon, eine lokalisierbare Grabstätte, an der er kultisch verehrt wurde. So berichtet Pausanias, er habe das Grab des Theseus in der Gegend von Troizen besucht, Aktaion soll sein Heroon in der Megaris gehabt haben. Die so verehrten Heroen waren aber auch unheimlich und konnten sich aus ihren Gräbern erheben, um Gutes oder auch Böses zu tun. Das Heroenbild des Aktaion musste daher in seinem Heroon regelmäßig gefesselt werden.[2] Viele dieser Gräber stammen aus mykenischer Zeit, für die kein Heroenkult nachweisbar ist. Das heißt, dass die im 8. Jahrhundert v. Chr. einsetzende Heldenverehrung an eine bloß imaginierte Vergangenheit ansetzte. Einige Heroen hatten auch mehrere Grabstätten, an denen sie verehrt wurden: Agamemnon zum Beispiel soll in Mykene und in Tarent begraben worden sein. Einige Heroen wie Herakles oder Asklepios erlangten panhellenische Bedeutung, was sie an die Götter annäherte oder direkt zu solchen machte.[3] Von geringerer Bedeutung waren die Heroinen: Sie waren oft namenlose Gefährtinnen eines Heros oder wie im Fall der Iphigenie in Brauron mit einem speziellen Frauenkult verbunden.[4]

Bei den Feiern, die an diesen Heroa abgehalten wurden, erzählte man sich die Geschichten der Helden: Ihre besonderen Leistungen zum Beispiel als Gesetzgeber oder Städtegründer, ihre göttliche Abstammung, ihre Schönheit oder die außergewöhnlichen Umstände ihres Todes. Daraus entwickelten sich mit der Zeit die Epen und die Dramen der antiken Literatur, die teilweise bis heute überliefert sind.[5] Spätere Herrscher knüpften zur Legitimation ihrer Herrschaft an den Heroenkult an. Antiochos von Kommagene († vor 31 v. Chr.) etwa ließ sich beim Handschlag mit Herakles abbilden und verbreiten, seine Vorfahren würden ebenfalls bis auf Zeus zurückgehen.[6]

Im Alten Orient finden sich vergleichbare Heldengestalten, denen zum Teil große Verehrung entgegengebracht wurde. Beispiele hier sind Enmerkar, Lugalbanda und Gilgamesch aus Uruk oder der aus dem Tanach bekannte Simson.[6]

Seit dem Hellenismus verbreitete sich die auf den griechischen Philosophen Euhemeros zurückgehende Deutung, in Wahrheit seien alle Götter ursprünglich Heroen gewesen, Menschen, die Besonderes vollbracht hätten und die dann kultisch verehrt worden seien.[7] Diese Annahme, die von den frühen Christen, vor allem aber seit der Aufklärung vielfach rezipiert wurde, drehte der deutsche Religionswisschaftler Hermann Usener (1834 – 1905) um und stellte die These auf, dass „alle Heroen, deren Geschichtlichkeit nicht nachweisbar oder wahrscheinlich ist, ursprünglich Götter waren“.[8]

Das Lateinische hat keine eigene Vokabel für Held. Die Römer verwendeten entweder das griechische Fremdwort Heros oder sprachen von lateinisch vir fortissimus – „überaus tapferer Mann“.[9]

Mittelalter

Im Mittelalter verlor die Figur des Helden ihre bedrohliche Ambivalenz. Unter dem Einfluss des Christentums waren sie nun Personifizierungen zumeist christlicher Wertvorstellungen. Heldentum konnte von nun an die Frucht lebenslanger Bemühungen sein, aber auch in einem einzigen Moment wurzeln, etwa im Selbstopfer für die gute Sache, dem Martyrium. Die mittelalterlichen Helden und Märtyrer spornten die Gläubigen zur Nachahmung an, die sich in der Heiligenverehrung zu deren Werten bekannten und sich gleichzeitig Hilfe für das eigene Leben erwarteten.[10] Beispiele für mittelalterliche Helden in diesem Sinne sind die legendären Drachentöter Georg und Siegfried sowie Roland, der eponyme Held des Rolandsliedes. In den Chansons de geste und den höfischen Romanen rücken die Ideale der Ritterlichkeit in den Mittelpunkt, die von der antiken Stoa über die Kirchenväter ins Mittelalter überliefert worden waren: Klugheit, Mäßigung, Tapferkeit und Gerechtigkeit sowie Höflichkeit.[11] Weibliche Beispiele dieses Typs sind etwa die Heiligen Maria Magdalena und Elisabeth von Thüringen.[12]

Frühe Neuzeit

Porträt Ludwigs XIII. von Frankreich als Hercules, 1635.

Mit der Wende zur Neuzeit ging die Verbindlichkeit der christlich-ritterlichen Werte verloren, die bis dahin unangefochten gegolten hatten. Die Suche nach einem neuen Ethos findet sich auch im Wandel der modernen Heldenideale seit 1450. Zwar wurde der Begriff des Helden, wie auch in den Jahrhunderten zuvor und wie es der weiterhin großen gesellschaftlichen Bedeutung des Adels entsprach, mit Tapferkeit im Krieg assoziiert: Beispiele hierfür sind der Pierre du Terrail, der „Ritter ohne Furcht und Tadel“, der Albanerfürst Skanderbeg oder Gustav II. Adolf von Schweden.[12] Auf der anderen Seite lässt sich eine mit der Renaissance einhergehende erneute Rezeption der Antike erkennen, die gleichzeitig eine Politisierung des Heldentums mit sich bringt. Bekannte Helden des Altertums wie Herakles (lateinisch Hercules) wurden nun zu Apotheosen von Fürsten oder Königen benutzt, um deren Herrschaft zu legitimieren.[13]

In der frühneuzeitlichen Literatur wurde die mittelalterliche Tradition in den Ritterromanen fortgesetzt, doch entstand gleichzeitig mit dem Schelmenroman ein neuer Heldentyp: Der meist aus der Unterschicht stammende Held dieser Roman, der „Picaro“, übersteht seine Abenteuer nicht durch Tapferkeit oder andere Tugenden, sondern durch Bauernschläue und viel Glück. Ein Beispiel hierfür ist Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen Der abenteuerliche Simplicissimus aus dem Jahr 1668,[14] dessen Held schon durch seinen Namen (lateinisch simplex – simpel, einfältig) als Einfaltspinsel charakterisiert ist. Ebenfalls vom traditionellen Heldenschema weichen die Titelhelden von William Shakespeares Hamlet (1601 oder 1602) und Miguel de CervantesDon Quijote (1605/1615) ab, die als Sonderlinge beschrieben werden können.[12]

Einen weiteren Wandel machte der Begriff in der Zeit der Aufklärung durch. Denis Diderot definierte in der Encyclopédie 1765 einen Helden zunächst ganz traditionell als französisch un homme ferme contre les difficultés, intrépide dans les périls, & vaillant dans les combats – „einen Menschen standhaft gegenüber Schwierigkeiten, unerschrocken in Gefahren und tapfer im Kämpfen“. Unter demselben Lemma gab er aber auch zu bedenken, dem Volk erscheine als Held oft gerade „derjenige, der – bei Licht betrachtet – eine Schande und Geißel der Menschheit ist (qui réduit à sa juste valeur, est la honte & le fleau du genre humain)“.[15] Diese pazistische Kritik an der Figur des (Kriegs-)Helden setzte sich indes nicht durch, wie die teilweise kultische Verehrung zeigt, die dem preußischen König Friedrich II. trotz oder wegen seiner skrupellosen Eroberungskriege entgegengebracht wurde. Dennoch lässt sich feststellen, dass seitdem zu militärischem Ruhm auch noch andere Tugenden treten mussten, um aus ihrem Träger einen Helden zu machen, etwa Patriotismus, Humanität und Bildung.[12] Durchsetzen konnte sich dagegen die aufklärerische Auffassung, dass starke Leidenschaften Zeichen starker Persönlichkeiten seien. Das Ideal der tief empfindenden Heldin bzw. des Helden, der sich seiner Gefühle nicht schämt, fand seinen literarischen Niederschlag etwa in Antoine-François Prévosts Manon Lescaut (1731) oder in Goethes Die Leiden des jungen Werthers (1774).[12]

Das in der Frühen Neuzeit ökonomisch aufsteigende Bürgertum, das von der Offizierslaufbahn und damit von der Gelegenheit militärischen Heldenruhms weitgehend ausgeschlossen war, entwickelte stattdessen den Geniekult: Als besonders verehrungswürdig galten ihm originelle und natürlich wirkende Künstler, die scheinbar traditionslos bedeutende Werke aus sich heraus zu schaffen im Stande waren.[12] Objekte dieser Verehrung, die bald den Charakter einer säkularen Bildungsreligion annahmen, waren etwa Schriftsteller wie Goethe oder Shakespeare, Komponisten wie Wolfgang Amadeus Mozart oder Ludwig van Beethoven, Entdecker wie Christopher Kolumbus, aber auch Staatsmänner wie Caesar, Napoleon oder Otto von Bismarck.[16]

19. und 20. Jahrhundert

François Chifflart: Jeanne d’Arc in der Schlacht. Historiengemälde, spätes 19. Jahrhundert

In Anknüpfung an die empfindsamen Heldinnen und Helden der Spätaufklärung steigerten die Autoren der Romantik die Leidenschaften noch, die ihre Heldinnen und Helden leiteten: Beispiele hier sind die Penthesilea von Heinrich von Kleist (1808), Victor Hugos Glöckner von Notre-Dame (1831) oder die Protagonisten von Emily Brontës Sturmhöhe (1847).[12] Die so geschaffenen romantischen Helden durchleben in der Hauptsache innere Konflikte: Sie sind unkonventionell, oft Reisende und Einzelgänger und nicht selten auf der Suche nach einem authentischen Ausdruck ihrer selbst: Ihre Gefühle und Empfindungen sehen sie als Mittel an, Einsichten zu gewinnen, die ihnen ihr Verstand allein nicht liefern. Beispiele für solche romantischen Helden sind Goethes Faust und Lord Byrons Childe Harold.[17]

In der Figur des Freiheitshelden konnte diese romantische Vorstellung aber auch politisiert werden:[12] Nach der Französischen Revolution stieg zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Bedarf an neuen Identifikationsfiguren: Der neu aufkommende Nationalismus versuchte, die Nation als wichtigste politische Bezugsgröße zu etablieren und fand in der Geschichte Gestalten, die sich zum Nationalhelden aufbauen ließen.[13] Beispiele für solche Geschichtsmythen sind etwa Hermann der Cherusker für Deutschland,[18] Jeanne d’Arc für Frankreich[19] oder Wilhelm Tell für die Schweiz.[20]

Die Religionswissenschaftlerin Sabine Behrenbeck deutet den Zuwachs an Bedeutung, die Heldenfiguren im 19. Jahrhundert beigemessen wurde, im Zusammenhang mit der fortschreitenden Modernisierung: „Im bürgerlichen Zeitalter verkörperte der Held die Abwehr des Subjektes gegen seine Auslöschung durch anonyme Strukturen und Systeme.“ Weil das Individuum in einer immer komplexer werdenden und sich immer weiter differenzierenden Gesellschaft immer weniger Autonomie und Selbstwirksamkeit entfalten könne, habe die Vorstellung geschichtsmächtiger Einzelpersonen ein attraktives Gegenbild gebildet. In diesem Zusammenhang sieht sie auch die im Historismus verbreitete Vorstellung, Geschichte sei in erster Linie das Werk großer Männer.[13]

Von besonderer Bedeutung wurde dabei die Vorstellung des Heldentods. Die Verehrung christlicher Märtyrer wurde im Zuge der Säkularisierung zwar verbreitet als Aberglaube abgetan, doch gleichzeitig kehrte die Figur in Gestalt als „profaner Opferheros“ wieder.[13] In Kriegszeiten heroisierte die Propaganda Soldaten und Gefallene, um die Kampfmoral der Truppe und den Durchhaltewillen der Bevölkerung zu stärken. Die inflationäre Verwendung führte aber auch zu Widerstand: Kurt Tucholsky konstatierte 1926, mit keinem anderen Begriff sei seit Ausbruch des Ersten Weltkriegs so viel „Unfug getrieben“ worden. Die Oberste Heeresleitung, die kaiserliche Familie, die Generale seien im Krieg durchaus keine Helden gewesen, sondern bloß „Verwaltungsbeamte“.

„Und wenn einer kommt und euch vom Heldentum eines Hindenburg, eines Ludendorff, eines desertierenden Kronprinzen etwas erzählen will, dann tut mit diesen Helden und Heldenverehrern das, was ihnen gebührt. Lacht sie aus.“[21]

In der Zeit des Nationalsozialismus spielte Begriffe aus dem Wortfeld Held eine zentrale Rolle. Als heldisch wurde der „erblich-gesunde nordische Mensch“ imaginiert, der im Gegensatz zum Judentum stehe. Im Lehr- und Lesebuch des Reichsarbeitsdienstes Bausteine zum Dritten Reich hieß es 1934:

„Heldentum duldete kein Händlertum. Denn der heldische Mensch kämpft, aber schachert nicht. Darum ist er der Sieger, weil er im Kampf seiner Art treu bleibt, die die stärkste ist.“[22]

Demonstration auf dem West-Berliner Breitscheidplatz, 1968. Im Vordergrund ein Plakat mit dem Bild Che Guevaras
Sarkophag mit dem Motiv „Heldentod“, Teil des Sowjetischen Ehrenmals im Treptower Park, Berlin

Nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg wurde das Wort Held in Westdeutschland und Österreich lange Zeit weniger verwendet. Aus für das Heldische begeisterten Kindern (Hitlerjugend, Wehrerziehung) war die „skeptische Generation“ der Nachkriegszeit geworden. Die 68er-Bewegung trat entschieden antimilitaristisch auf, verurteilte den Vietnamkrieg und speziell die dort begangenen Kriegsverbrechen. Gleichzeitig entwickelte sie einen eigenen Heroenkult und verehrte Mao Zedong, Hồ Chí Minh und Che Guevara.[23]

In den Staaten des Warschauer Paktes wurde der Begriff oft verwendet. So galten die Gefallenen des Großen Vaterländischen Krieges in der Sowjetunion als Helden. Werktätige, die betriebliche Soll-Produktionswerte deutlich übererfüllt hatten, wurden mit dem Orden Held der Arbeit ausgezeichnet und als Vorbilder dargestellt. Verdienstvolle Staatsangehörige konnten als Held der Sowjetunion oder Held der DDR ausgezeichnet werden.[24]

Nach dem Heldenkult von Nationalsozialismus und Realsozialismus steht politischer Heroismus in demokratischen Gesellschaften zumeist unter Verdacht. Die Figur des Helden wurde entpolitisiert und wanderte in die Unterhaltungskultur ab, etwa in Comics und Filme über Superhelden, in die Popmusik, wo Künstler zum Teil rückhaltlos idolisiert werden, oder in den Sport, wo Allmachtsphantasien und Männerbilder an der beeindruckenden Körperkraft und Vitalität der Akteure andocken können.[24] Aus der Ablehnung von Heldentum, nationalem Opfermut, der Entwicklung von „Autorität durch Autorenschaft“ (Bazon Brock) ist eine Krise des Heroischen erwachsen. Seit den 1990er Jahren verwendet der Soziologe Dirk Baecker den Begriff des „Postheroischen“.[25] Der Begriff der „postheroischen Dichtung“ war bereits in den 1950er Jahren von Maurice Bowra verwendet worden.[26] Der Politologe Herfried Münkler verwendet ihn des „Postheroischen“ seit den 2000er Jahren für westliche Gesellschaften.[27][28] Der Begriff wurde auch im Zusammenhang mit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 wieder aufgegriffen.[29]

Wissenschaft

Vergleichende Mythenforschung

Die Heldenreise. Das Diagramm basiert auf Joseph Campbells und insbesondere auf Christopher Voglers Ausarbeitungen.

Der amerikanische Literaturwissenschaftler Joseph Campbell (1904–1987) stellte in seinem Buch Der Heros in tausend Gestalten 1949 die These auf, dass die Heldenerzählungen aus allen Zeiten und Kulturen eine gemeinsame Struktur aufwiesen, die er „Monomythos“ oder „Heldenreise“ nannte. Als deren Elemente identifizierte er einen Helden, der sich auf eine Quest begibt, eine Suche oder Mission, die ihn vor verschiedene Herausforderungen stellt. Diese überwindet der Held, verändert sich dadurch gleichzeitig und kehrt schließlich mit neu gefundenem Wissen oder Fertigkeiten nach Hause zurück, um sich in den Dienst anderer zu stellen. Campbell identifizierte verschiedene archetypische Charaktere, die in den Mythen der Welt immer wieder anzutreffen seien: neben dem Helden den Mentor, den Wächter an der Schwelle, den Schatten und die weise alte Frau bzw. den weisen alten Mann und andere mehr. Diese Figuren würden oft universelle menschliche Eigenschaften, Sehnsüchte und Herausforderungen, weshalb das Konzept Heldenreise in individualisierter Form auch in der Psychotherapie eingesetzt wird.[30]

Das Konzept wurde verschiedentlich aufgegriffen und weiterentwickelt, um u. a. als Hilfe beim Schreiben eines Drehbuchs zu dienen. Von Kritikern wird eingewandt, Campbells Konzept pauschalisiere zu stark und erfasse nicht die reiche Vielfalt der mythologischen Erzählungen, die sich weltweit finden. Von feministischer Seite wird eingewandt, dass Campbells Schema stets männliche Helden in den Mittelpunkt stelle und weiblichen Figuren allenfalls Nebenrollen zuweise. Dadurch perpetuiere es Geschlechterstereotype. Auch gebe es in vielen Kulturen frauenzentrierte Erzählungen, die nicht unbedingt ins Schema Heldenreise passen. Sie würden bei seiner Anwendung übersehen oder heruntergespielt.[31]

Sportwissenschaft

Es ist eine außerordentliche sportliche Leistung erforderlich, um zum Helden im Sport zu werden, aber erst durch geschicktes Management kann ein Sportler durch dauerhaft konstante Leistungen zur Marke werden.[32] Swantje Scharenberg hat in ihrer Analyse der Helden im Sport in der Weimarer Zeit gezeigt, welche außergewöhnlichen Leistungen Heldenpotenzial für die jeweilige Zeit hätten. Sie spricht hierbei aber von Helden im Sport und nicht von Sporthelden.[33] Für Garry Whannel muss jedoch aus anglo-amerikanischer Perspektive der Medien-Sportstar und -Held immer ein Mann sein, da in der Gegenwart, in der körperliche Dominanz beruflich nicht mehr erforderlich ist, nur so die männliche Hegemonie gewahrt sei.[34] Sie alle bestätigen, dass es Zeiten gibt, in denen Helden mehr gesellschaftlich erwünscht sind als in anderen (Ende des Heldentums?).[35] In kaum einem gesellschaftlichen Bereich ist der Fall vom Helden zum Anti-Helden jedoch so tief und schnell wie im Sport, da die Sportler/-innen stärker als z. B. Politiker zum Jugendidol hochstilisiert werden (Lance Armstrong, Oscar Pistorius, Jan Ullrich usw.).[36]

Kunstwissenschaft

Der Soziologe Ulrich Bröckling interpretiert auf prominente Helden der Kunstgeschichte: Was Kunstschaffende und Helden, Kunstwerke und Heldentaten miteinander verbindet, so Bröckling, ist, dass sie etwas sinnlich erfahrbar machen, das zugleich über sie hinausweist.[37][38]

Der Begriff des Heroentum wird auch in den Arbeiten zahlreicher Kunstschaffender seit den 2000er Jahren thematisiert.[39] Georg Baselitz’ Werkgruppen „Helden“ und „Neue Typen“ gelten weltweit als Schlüsselwerke der deutschen Kunst der 1960er-Jahre.[40] KAWS ist dafür bekannt, ikonische Zeichentrickfiguren zu subvertieren und zeigt damit sein Interesse am universellen kulturellen Wert dieser Figuren.[41] Thomas Liu Le Lanns Stoffskulpturen stellen „zarte Helden“ dar: Inspiriert vom japanischen Roboter Astro Boy, bevorzugen sie Sanftheit und Passivität.[42] Als weiche, anschmiegsame Wesen hinterfragen sie traditionelle Vorstellungen von männlicher Stärke und Handlungsfähigkeit.[43][44] In ihren Videos erschafft Lu Yang virtuelle Parallelwelten, bevölkert von Göttern, Dämonen, Helden, Kriegern und Cyborgs, inspiriert von Universen aus der Welt der Videospiele, Mangas und östlichen Religionen.[45]

Literatur

Commons: Helden – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Held – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wikiquote: Held – Zitate

Einzelnachweise

  1. Sabine Behrenbeck: Heros/Heroismus. In: Christoph Auffarth, Jutta Bernard, Hubert Mohr (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien. Band 2, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 978-3-476-02070-3, S. 28–31, S. 28–31, hier S. 28.
  2. a b Fritz Graf: Heroenkult. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 5, Metzler, Stuttgart 1998, ISBN 3-476-01475-4, Sp. 477..
  3. Fritz Graf: Heroenkult. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 5, Metzler, Stuttgart 1998, ISBN 3-476-01475-4, Sp. 478..
  4. Fritz Graf: Heroenkult. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 5, Metzler, Stuttgart 1998, ISBN 3-476-01475-4, Sp. 479..
  5. Sabine Behrenbeck: Heros/Heroismus. In: Christoph Auffarth et al. (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien. Band 2, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, S. 28–31, S. 28–31, hier S. 29.
  6. a b Heroen. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. 4, Auflage, Band 3, Mohr Siebeck, 2001, Sp. 1678.
  7. David Potter, Oliver Nicholson: Euhemerism. In: The Oxford Dictionary of Late Antiquity. Oxford University Press, Oxford 2018, kostenpflichtiges Digitalisat.
  8. Hermann Usener: Götternamen: Versuch einer Lehre von der Religiösen Begriffsbildung. Bonn 1896, S. 255, zitiert nach Friedrich Pfister: Der Reliquienkult im Altertum. Verlag von Alfred Töpelmann (vormals J. Ricker), Gießen 1909, S. 239 f.
  9. Held Subst m auf de.pons.com.
  10. Sabine Behrenbeck: Heros/Heroismus. In: Christoph Auffarth et al. (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien. Band 2, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, S. 28–31, S. 28–31, hier S. 29.
  11. Aldo Scaglione: Knights at Court: Courtliness, Chivalry, and Courtesy from Ottonian Germany to the Italian Renaissance. University of California Press, Berkeley 1991, S. 55.
  12. a b c d e f g h Gerrit Walther: Held/in. In: Enzyklopädie der Neuzeit, Band 5, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2007, ISBN 978-3-476-01995-0, kostenpflichtiges Digitalisat.
  13. a b c d Sabine Behrenbeck: Heros/Heroismus. In: Christoph Auffarth et al. (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien. Band 2, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, S. 28–31, S. 28–31, hier S. 30.
  14. Bernadette Malinowski: Schelmenroman. In: Enyzklopädie der Neuzeit, Band 11, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2010, ISBN 978-3-476-02001-7, kostenpflichtiges Digitalisat.
  15. Denis Diderot: Héroisme. In: Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, Band 8, Paris 1765, zitiert und übersetzt bei Gerrit Walther: Held/in. In: Enzyklopädie der Neuzeit, Band 5, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2007, kostenpflichtiges Digitalisat.
  16. Julia Barbara Köhne: Geniekult in Geisteswissenschaften und Literaturen um 1900 und seine filmischen Adaptionen. Böhlau, Wien 2014, ISBN 978-3-205-79481-3, S. 11 u. ö.
  17. Iskra Fileva: Romantic Hero. In: Scott T. Allison, James K. Beggan, George R. Goethals (Hrsg.): Encyclopedia of Heroism Studies. Springer Nature Switzerland, Cham 2024, S. 1785–1789.
  18. Andreas Dörner: Politischer Mythos und symbolische Politik. Der Hermannsmythos. zur Entstehung des Nationalbewußtseins der Deutschen. rororo, Reinbek 1996.
  19. Christiane Dahms: Jeanne d’Arc. In: Stephania Wodianka, Juliane Ebert (Hrsg.): Metzler Lexikon moderner Mythen: Figuren, Konzepte, Ereignisse. Springer Verlag, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-476-02364-3, S. 204–207.
  20. Georg Kreis: Schweiz – Nationalpädagogik in Wort und Bild. In: Monika Flacke (Hrsg.): Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama. Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl. Begleitband zur Ausstellung vom 20. März 1998 bis 9. Juni 1998. Verlag Koehler & Amelang, Berlin 1998, S. 446–475, hier S. 450–456.
  21. Ignaz Wrobel (i.e. Kurt Tucholsky): Die Herren Helden. In: Das Andere Deutschland vom 27. November 1926 (online auf zeno.org, Zugriff am 14. September 2024.
  22. Zitiert nach Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2007, ISBN 978-3-11-092864-8, S. 306 ff.
  23. „Muff unter den Talaren“: Vom Protestbanner zur Studentenbewegung. ndr.de, 9. November 2022.
  24. a b Sabine Behrenbeck: Heros/Heroismus. In: Christoph Auffarth et al. (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien. Band 2, J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, S. 28–31, S. 28–31, hier S. 31.
  25. Dirk Baecker: Postheroisches Management: Ein Vademecum. Merve Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-88396-117-5.
  26. Cecil Maurice Bowra: Heldendichtung: eine vergleichende Phänomenologie der heroischen Poesie aller Völker und Zeiten. J.B. Metzler, 1964, ISBN 3-476-00017-6, S. 619 ff. (google.de [abgerufen am 12. März 2022]).
  27. Martin Krol: Macht - Herrschaft - Gewalt: gesellschaftswissenschaftliche Debatten am Beginn des 21. Jahrhunderts. LIT Verlag Münster, 2005, ISBN 3-8258-8721-9, S. 22 (google.de [abgerufen am 12. März 2022]).
  28. Herfried Münkler: Heroische und postheroische Gesellschaften – Merkur. Abgerufen am 12. März 2022 (deutsch).
  29. Stephan Scholz: Erinnerungskultur in der »Zeitenwende«. Die deutsche Weltkriegserinnerung und der Ukrainekrieg. In: Ukraine-Analysen. Nr. 270, 22. Juni 2022, S. 17–19 (laender-analysen.de [abgerufen am 11. August 2022]).
  30. Scott T. Allison: Hero Monomyth. In: derselbe, James K. Beggan, George R. Goethals (Hrsg.): Encyclopedia of Heroism Studies. Springer Nature Switzerland, Cham 2024, ISBN 978-3-031-48128-4, S. 800–803, hier S. 800 ff.
  31. Scott T. Allison: Hero Monomyth. In: derselbe, James K. Beggan, George R. Goethals (Hrsg.): Encyclopedia of Heroism Studies. Springer Nature Switzerland, Cham 2024, S. 800–803, hier S. 802 f.
  32. Julia Mährlein: Der Sportstar in Deutschland: Die Entwicklung des Spitzensportlers vom Helden zur Marke. Sierke, Göttingen 2009, ISBN 978-3-86844-130-7.
  33. Swantje Scharenberg: Die Konstruktion des öffentlichen Sports und seiner Helden in der Tagespresse der Weimarer Republik. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-77117-9.
  34. Garry Whannel (2001): Media Sport Stars: Masculinities and Moralities. London: Routledge, ISBN 0-203-99626-7.
  35. Arnd Krüger & Swantje Scharenberg (Hrsg.): Zeiten für Helden – Zeiten für Berühmtheiten im Sport. LIT, Münster 2014, ISBN 978-3-643-12498-2.
  36. Stanley H. Teitelbaum: Sports Heroes, Fallen Idols. Lincoln, Nebr.: University of Nebraska Press, 2005, ISBN 0-8032-4445-2.
  37. Ulrich Bröckling: Postheroische Helden: Ein Zeitbild. suhrkamp, Berlin 2020.
  38. deutschlandfunk.de: Ulrich Bröckling: "Postheroische Helden" - Man hüte sich vor Helden! 5. März 2020, abgerufen am 10. November 2024.
  39. Unter Helden. Abgerufen am 10. November 2024.
  40. Georg Baselitz. Abgerufen am 10. November 2024.
  41. Adam Lindemann ShareShare This Article: This Thrilling New Show Will Change the Way You Think About KAWS. 25. Oktober 2024, abgerufen am 10. November 2024 (amerikanisches Englisch).
  42. Thomas Liu Le Lann: Wer ist Milo? 10. Mai 2021, abgerufen am 10. November 2024.
  43. Entertain. Abgerufen am 10. November 2024 (französisch).
  44. Annette Hoffmann: Gesellschaftlicher Druck und historische Schuld: Zwei Ausstellungen in der Galerie für Gegenwartskunst im E-Werk zeigen die Verletzlichkeit von Körpern. 29. Oktober 2024, abgerufen am 10. November 2024.
  45. Kito Nedo: Kunst-Star LuYang in der Kunsthalle Basel. 17. Februar 2023, abgerufen am 10. November 2024.